Vielleicht kennst du bereits den Hashtag #whomademyclothes? Dieser bezweckt, dass das ansonsten anonyme Kauferlebnis, auch den Weg der Herstellung (Fertigung & Rohstoffgewinnung) genauer beleuchtet. Warum ist der Fokus auf diesen Teil der Wertschöpfungskette so enorm wichtig? Kinder und Zwangsarbeit sind doch fast überall verboten und Unternehmen, bei welchen solche Praktiken aufgedeckt werden, riskieren Boykottierung und somit die Insolvenz?! Nicht ganz. 2013 stürzte in Bangladesch das Rana Plaza ein und über 1000 Näher:innen verloren dabei ihr Leben. Ein Unglück, welches die schrecklichen Bedingungen für kurze Zeit in den Mittelpunkt stellte. Wirklich viel getan hat sich seither aber nicht. Schaut man genauer hin, so wird man feststellen: Zwischen dem was wir in Deutschland als Zwangsarbeit bezeichnen würden und dem wie es in einigen Produktionsstätten dieser Welt zugeht – insbesondere von Zulieferern großer Namen der Textilbranche – stellt man kaum einen Unterschied fest. 

Mindestlohn vs. Existenzlohn 

Häufig schmücken sich die Textilgiganten damit, für die Garantie der gesetzlichen Mindestlöhne bei ihren Sub-Sub(…)-Unternehmen einzustehen. Dieser Mindestlohn ist allerdings  von Land zu Land unterschiedlich und die damit verbundene Kaufkraft natürlich auchVereine wie Femnet, die sich seit Jahren für die Rechte von Frauen in der Textilbranche einsetzen, fordern deshalb nicht ohne Grund einen Existenzlohn.(Quelle)  

Am Beispiel Bangladesch lässt sich der Unterschied leicht erklären: Vor wenigen Jahren lag der gesetzliche Mindestlohn für Näher:innen dort bei ca. 30€ im Monat. Mittlerweile ist dieser auf ca. 84€ gestiegen. Zum Führen eines würdigen Lebens wäre jedoch weiterhin knapp das Dreifache notwendig.  

Doch auch in Europa gibt es seit der Coronakrise ein “berühmtes” Beispiel für unzureichende Bezahlung, nämlich in Rumänien. Angelica Manole, eine Näherin in Rumänien, wurde der ohnehin schon nicht zum Leben ausreichende Lohn in Höhe von 278€ im Monat um die Hälfte gekürzt - ja, richtig gelesen: der MINDESTlohn wurde ihr gekürzt. Dabei beliefert ihr Arbeitgeber keinen geringeren als Massimo Dutti – wie einige wahrscheinlich wissen, gehört die Marke ebenso wie Zara dem Fast Fashion Giganten Inditex an, welcher auch während der Pandemie noch Milliardengewinne einfuhr.(Quelle) Wie Angelica erging es Millionen anderen Näher:innen überall auf der Welt, die aufgrund der Pandemie das volle wirtschaftliche Risiko zu spüren bekamen, welches die Großen seit langem auf sie abgewälzt hatten.  

Ein Grund weshalb die Regierungen dieser Länder sich nicht für höhere Mindestlöhne aussprechen, ist die Angst vor Abwanderung der großen Handelsketten an Orte mit niedrigeren Löhnen und Standards. 

Ausbeutung und physische Gewalt  

Näherinnen sind häufig die Alleinversorger in ihren Familien, was das strukturelle Problem in diesem Konstrukt der Ausbeutung verdeutlicht: Den Frauen wird meist nicht ermöglicht sich gewerkschaftlich zu organisieren und ihre Rechte einzufordern. Sie arbeiten häufig 80 Stunden pro Woche und werden dafür nicht ansatzweise ausreichend vergütet. Auch völlig unbezahlte Überstunden sind nichts Ungewöhnliches. Wollen sie sich dagegen wehren, so verlieren sie ihren Job und werden durch eine der vielen anderen arbeitslosen Näherinnen ersetzt.(Quelle) Die psychische Belastung und körperliche Erschöpfung nach den vielen Arbeitsstunden sowie die Angst, die eigene Familie nicht versorgen zu können, sind leider nur die Spitze des Eisbergs.     

Du willst es doch auch 

Laut einer Studie von Femnet, gemeinsam mit ihrem Partner Bangladesh Center for Workers Solidarity (BCWS), werden 3 von 4 Näherinnen regelmäßig Opfer von sexueller Belästigung, was (wer hätte es gedacht) nicht mit den Ergebnissen der anderweitig durchgeführten Audits übereinstimmt.(Quelle) Wie könnte es auch anders sein? Bei nicht anonymisierten Befragungen, muss man durch das Geben ehrliche Antworten schließlich um seinen Job und somit die Existenz bangen. Dieses Abhängigkeitsverhältnis ist auch der Grund, weshalb diese Frauen sich nicht gegen die Belästigung ihrer männlichen Kollegen und Vorgesetzten wehren. 
Neben der verbalen Belästigung sind auch Ohrfeigen sowie Schläge und Tritte bis hin zur Vergewaltigung keine Seltenheit in der Branche. Eine von drei Näherinnen weltweit widerfährt eine dieser Arten von Belästigung und Gewalt mindestens einmal in ihrem Leben. Auch hier lässt sich ein strukturelles Problem erkennen: die Näherinnen haben fast ausschließlich männliche Vorgesetzte, welche sich deren Position zu Nutze machen und nach dem Motto “tust du mir einen Gefallen, dann tue ich dir auch einen” handeln.(Quelle) Leider werden solche Vorfälle nur in den wenigsten Fällen gemeldet.

Ändern kann sich an dieser Situation erst etwas, wenn die Einkaufspolitik der großen Textilunternehmen den Druck auf ihre Lieferanten senkt und sich für gerechte Arbeitsbedingungen sowie Löhne bei ihren Zulieferern einsetzt. Auch die Einführung eines Lieferkettengesetzes in Deutschland hat bei einigen zumindest für ein Fünkchen Hoffnung gesorgt. Zum jetzigen Zeitpunkwird es in dieser Form leider nicht zu mehr Sicherheit und Rechten der Näher:innen führen. Es bleibt abzuwarten, inwiefern das Lieferkettengesetz auf EU-Ebene, welches derzeit entworfen wird, zu mehr Transparenz und somit Fairness und Gerechtigkeit sorgen kann - wenn wir in Deutschland es schon nicht hinbekommen.